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Religiositätsforschung in religionswissenschaftlicher Perspektive

Obwohl das Phänomen der Religiosität in den Gegenstandsbereich der Religionswissenschaft fällt, wird der Begriff " Religiosität" von ihr kaum grundsätzlich thematisiert. Einen systematischen Grund gibt es hierfür nicht. Vielmehr kann eher eine fachgeschichtliche Ursache angenommen werden: Der common sense heutiger Religionswissenschaftler assoziiert Religiosität immer noch mit den romantisch geprägten Religionskonzepten der alten Religionsphänomenologie, mit dem individuell "gefühlten" Numinosen, der "Sehnsucht nach dem Unendlichen" und ähnlichen empirisch nicht einholbaren Bestimmungen. Als Konsequenz des cultural turn galt das Interesse an Religiosität in der Religionswissenschaft als obsolet. Stattdessen wandte man sich bevorzugt den kulturellen Objektivationen, sozialen Strukturen und kollektiven Ausdrucksformen von Religion zu. Individuen interessierten primär als religiöse Experten und Virtuosen oder anderweitig bedeutsame Persönlichkeiten der Religionsgeschichte. Die Frage der Aneignung der Religion durch die Individuen - nicht nur in den spätmodernen Gesellschaften der Gegenwart ein zentrales Thema - spielte dagegen kaum eine Rolle.

Das Institut zur Erforschung der religiösen Gegenwartskultur erachtet es als Desiderat des Faches Religionswissenschaft , die genannten Forschungsbereiche auf der Grundlage des cultural turn um die Perspektive der subjektiven oder individuellen Seite von Religion zu erweitern. Es hat in den vergangenen zehn Jahren erfolgreich mehrere interdisziplinäre Forschungsprojekte durchgeführt, in denen - in Zusammenarbeit zwischen Religionswissenschaft , Soziologie und Theologie - vor allem nach alternativ-religiösen Orientierungen von Kirchenmitgliedern gefragt wurde. Damit konnte die in der bisherigen Forschung vorherrschende Dichotomisierung von kirchlicher Religiosität einerseits und alternativen Spiritualitäten andererseits exemplarisch aufgebrochen werden. Die Erkenntnisse aus diesen Projekten führten zu zur systematischen Beschäftigung mit der subjektiven Seite der Religion. Hierfür soll - zunächst behelfsweise - die Bezeichnung " Religiositätsforschung in religionswissenschaftlicher Perspektive " gebraucht werden. Das Institut macht es sich zur Aufgabe, das Phänomen individueller Religiosität im biographischen, sozialen und zeitgeschichtlichen Kontext empirisch zu untersuchen und theoretische Beiträge zur religionswissenschaftlichen Beschreibung und Erklärung von Religiosität zu leisten. Besonders interessieren hierbei die individuelle Aneignung, Praxis und Kommunikation von Religion, (Spiritualität, Esoterik); individuelle, besonders synkretistische religiöse Sinnkonstruktionen; die Anbindung individueller Religiosität an soziale Gestalten von Religion; Wandlungsprozesse der Religiosität im Lebensverlauf; Funktionen der Religiosität.

Der Schwerpunkt " Religiositätsforschung in religionswissenschaftlicher Perspektive " verortet sich vornehmlich in einem sozialwissenschaftlichen Theorierahmen im Bereich der Sozialisations- und Biographieforschung. Er versteht sich in einem engen Austausch mit religionssoziologischer und religionswissenschaftlicher Institutionen-, Netzwerk- und Milieuforschung. Gemäß der Ausrichtung des Instituts liegt der empirische Schwerpunkt im Bereich der religiösen Gegenwartskultur, jedoch werden historische Perspektiven analytisch einbezogen - denn auch in historischen Bereichen der Religionswissenschaft sollten nach unserer Ansicht viel stärker auch die subjektiven und biographischen Seiten der Religion, d.h. die Aneignung religiöser Symbolsysteme, berücksichtigt werden.

Panel:
Jahrestagung der DVRW vom 23.-27. September 2007 in Bremen
Christoph Bochinger, Stefan Kurth "Religiositätsforschung als Aufgabe der Religionswissenschaft"

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Copyright ©: Institut zur Erforschung der religiösen Gegewartskultur. Letzte Änderung 19.02.2008
Verantwortlich: Prof. Dr. Christoph Bochinger. Seitengestaltung: Barbara Mayer. E-Mail: b.mayer@uni-bayreuth.de